Kommentar zu „Gespräch mit dem November“

 

 

 

Dieses Gedicht wurde, ebenso wie der ganze Gedichtband, vom verstorbenen Sohn Avni Deharis, Arbënor Dehariruhe er in Frieden – übersetzt.

 

 

 

Die Übersetzungen wurden anschliessend in enger Zusammenarbeit mit mir durch eine schweizer Lektorin, Laura Schärmeli, überarbeitet.

 

 

 

Ich freue mich, dass das aufwändige Lektorat und das langwierige Korrektorat nun abgeschlossen sind. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.

 

 

 

Ich danke dem Übersetzer, der Lektorin und allen Albanern, wo immer sie auch sein mögen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gespräch mit dem November[1]

 

 

 

 

 

1.

 

 

 

November,

 

Monat der Meditationen,

 

die Gedanken fallen

 

wie das Laub von den Bäumen,

 

 

 

wir verbleiben nicht alleine

 

mit den entrindeten Sprossen im Wind,

 

 

 

der Wind dringt bis in die Knochen,

 

wegen der geschwängerten Luft

 

stirbt etwas und es wird wiedergeboren

 

in den Poren des Liedes

 

in den Poren der Tränen…

 

 

 

2.

 

 

 

Du Monat des Schmerzes

 

 erwachst mit ihnen,

 

wie der Wind das dürre Laub,

 

 

 

sammelst du die Wolken um dich herum

 

und rennst, um das letzte Loch

 

im Horizont

 

zu verschliessen,

 

 

 

einen herbstlichen Walzer tanzend

 

nimmst du die gefallenen Blätter auf,

 

bewegst die entrindeten Schösslinge,

 

schaukelst sie im Raum hin und her

 

zu traurigen Wiegenliedern.

 

 

 

3.

 

 

 

Wenn der Wind durchdringend weht

 

erschütterst du die Fenster der Herzen

 

aus Verzweiflung,

 

 

 

weil der Verrat sich

 

dort, wo die Sonne aufgeht,

 

unbemerkt zu einem Berg anhäuft,

 

 

 

und sie lassen dich noch immer nicht hinaus

 

sie lassen dich nicht leuchten

 

 

 

sie lassen dich nicht die Jahreszeiten wechseln

 

die Zeit in unseren Seelen erneuern,

 

so sehr es dein brennendes Herz  auch will…

 

 

 

4.

 

 

 

Schaut, jenseits des Nebelmeeres

 

die Kyrenaiker,

 

deren Geduld am Ende ist,

 

wie sie die Erde zum Beben aufrufen,

 

 

 

die Erde soll beben -

 

die Magmen glühen auf,

 

um den Mund der Erde zu öffnen,

 

um das Gedankenlava

 

gerechtfertigt

 

in Richtung Sonne zu kotzen,

 

 

 

werden es wohl die Wolken

 

in den feurigen Jahreszeiten aushalten können,

 

oder werden sie vor dem Schrecken,

 

der sie durchfährt, platzen..?!

 

 

 

5.

 

 

 

Manchmal bis du, November,

 

das Vorwort zum Winter,

 

 

 

die ersten Zeilen der Wolken

 

sind nur lärmige Reklamen

 

für den Schnee, der kommen wird...

 

 

 

wir spüren den kommenden Eiskönig

 

den gewaltigen König

 

der mit seinem Spazierstock

 

hysterisch an die Tore der Tage hämmert,

 

den Morgen aus dem Schlaf reisst,

 

 

 

wir spüren

 

wie das krankhafte Niesen

 

in den geschwollenen Adern faucht,

 

den entzündeten Adern der Tage.

 

 

 

6.

 

Die letzten Zeilen werden nicht warten

 

auf den Sturm des Hauches der Menschen,

 

 

 

es wird das Eis schmelzen

 

in der Seele der Dinge.

 

 

 

Werden die Wolken

 

den Schwingungen des Aprils standhalten?!

 

 

 

Der Mai, der rote Mai,

 

fern wird er sein, wir wissen es,

 

fern wie ein Traum könnte er sein

 

 

 

doch trotzdem strahlt er uns

 

mit seinem blühenden Lächeln an.

 

 

 

7.

 

Jetzt, Silo des Kummers,

 

ergiesst sich deine bittere Lymphe

 

auf den Boden und ins gegraute Gras.

 

 

 

Die Zweige reissen die Haut

 

vor deiner Peitsche auf,

 

sie weinen dem verlorenen Grün nach

 

und richten ihre enthäuteten Finger

 

direkt auf den schwarz gewordenen Kelch...

 

 

 

8.

 

 

 

Wir haben erwartet,

 

dass du uns deine Körbe

 

gefüllt mit den Früchten unserer Mühen bringst,

 

November.

 

 

 

Dieses Glückskorn,

 

das wir getrocknet haben,

 

von allen Gesängen –

 

 

 

wir haben erwartet,

 

dass es goldbraun  auf der Hand liegt

 

wie ein gebackenes Brot,

 

und dass es so schmackhaft ist

 

wie ein Apfel,

 

 

 

für dieses

 

wurden unserer Schatten geschält.

 

 

 

9.

 

Wie unbarmherzig

 

sind deine Wolken

 

wenn sie an den Zweigen hängen,

 

 

 

die Hände des Glücks haben nicht alles gesammelt,

 

was sie sammeln könnten,

 

 

 

deshalb

 

tröpfelt aus den gebrochenen Schösslinge der Zweige

 

ohne Unterlass

 

nur die Lymphe des Schmerzes...

 

 

 

10.

 

Wer zieht uns

 

die Leitern vor der Geburt weg,

 

sodass wir tief unten verbleiben,

 

wiederholend die verfluchte Sisyphusarbeit

 

mit der verletzten Sonne auf dem Rücken,

 

 

 

dort unten, wo die Spinnen

 

die Hypokrisie hervorbringen,

 

während sie mit den Händen den Winterschal weben,

 

 

 

sie stricken

 

ein Band aus dem Geheul

 

im Herzen der Erde!

 

 

 

11.

 

 

 

O diese verfluchten Spinnen,

 

wie gross sind sie geworden,

 

und ganz frei krabbeln sie

 

den Bluttropfen nach.

 

 

 

Die Erde bebt, November,

 

die Spinnen verwandeln sich in Nashörner

 

in Fleischfresser,

 

sie zehren unersättlich am Überfluss der Geduld,

 

 

 

wo immer sie können

 

kotzen  sie Apokalypsen –

 

den Eiter der Löcher, welche die Sonne nie erreichte.

 

 

 

12.

 

 

 

Dein Beben muss jene schütteln,

 

die sterben,

 

damit die Poren des Seins wiederbelebt werden können.

 

 

 

Es muss der Tag kommen,

 

an dem du deine Adern anschwellen lässt

 

und die Flussbetten nicht beachtest,

 

 

 

wenn die Orkane toben,

 

wenn deine Stürme

 

den schmutzigen Umhang der Zeit zerreissen

 

und wenn alle verlogenen

 

Idole fallen,

 

 

 

denn du, November, bist

 

das Ende eines Segments,

 

durch welches sich die Zeit streckt und misst!  

 

 

 

13.

 

 

 

Hunderte Male warst du bei uns,

 

doch ausser der Verzweiflung ernteten wir nichts,

 

deine dürren Blätter

 

zählten wir deshalb.

 

 

 

Wir waren diese Sprossen,

 

die dich seit jeher am Stamm der Jahrhunderte erwarteten,

 

immer mit gebrochenen Ästen, 

 

 

 

mit abgerissenen Spitzchen

 

und schrundiger Haut,

 

 

 

Sprossen, die entkleidet wurden,

 

und im Frühling grünten-

 

 

 

welchen die Lymphe

 

wie Tränen über die Wangen der Tage floss!

 

 

 

14.

 

Wie können wir die Blätter

 

wie eine Decke über die Erde werfen,

 

bevor der Frost hereinbricht,

 

bevor der Schneesturm

 

die Wurzeln des Grases erfrieren lässt.

 

 

 

Fanatisch bewahrten wir den grünen Traum

 

unter der gerissenen Haut,

 

 

 

wir kauten die ganze Zeit

 

die Flüche der Dornenbüsche,

 

welche mit ihren Krallen

 

das All erschufen.

 

 

 

15.

 

 

 

Und durch deine Wogen

 

wurden viele Herzenspflanzen

 

zu Boden geknickt,

 

November.

 

 

 

Sie fielen im Luftwirbel

 

und ewig wird man ihrer gedenken.

 

 

 

Sie zeigten uns allen,

 

wie sich die Zeit in der Seele der Dinge verhält-

 

 

 

Das einzige Beispiel der Schönheiten

 

waren sie,

 

der Wunder,

 

die einen Augenblick nur währen.

 

 

 

16.

 

Wenn du kamst,

 

streichelten die Eichen meiner Liebe

 

die Treppen

 

mit ihren Händen knackender Zweige,

 

 

 

jedes Mal, wenn die Beile

 

eine grüne Quelle am Stamm vertrockneten,

 

 

 

diese wilden Beile,

 

geschärft in den Ecken, wo die Kohle den Russ abgibt

 

und die mit Teer getränkten Lungen,

 

angelehnt an die gebrochenen Zweige,

 

an jene, welche

 

die stolzen Eichen von sich wegwerfen

 

und nicht anerkennen!

 

 

 

17.

 

 

 

Das erste Mal

 

kamst du über das blanke Schwert

 

der roten Strahlen,

 

 

 

es war ein feuriger Regenbogen,

 

der die Herzen verband

 

 

 

und der aus dem Himmel der Lieder

 

alle Wolken sammelte,

 

und sie versengte,

 

 

 

durch Farben hindurch

 

die Horizonte siebte

 

und die weissen Räume erneuerte.

 

 

 

Hinunter zur Erde brachte er dann

 

den Glanz der Herrlichkeiten,

 

und mit ihm vermass er die Grundstücke.

 

 

 

18.

 

Streckte seine Lichtstrahlen

 

von einem Hügel zum anderen

 

und verband

 

die Garben der Ernte 

 

mit dem Faden des Verstehens

 

und dem Vorbild,

 

welches sich nicht oft wiederholt.

 

 

 

Wir

 

begannen die Zahlen mit jener Jahreszeit,

 

und die Kinder

 

zogen wir mit dessen Namen auf.

 

 

 

19.

 

 

 

Danach haben wir uns oftmals

 

durch die Risse der Felsen

 

gedrückt,

 

einsam,

 

verstreut,

 

 

 

wir wälzten uns im Sand

 

bis die Tage wegen der Dunkelheit platzten,

 

 

 

wir erwarteten die Donnerschläge

 

der noch verbliebenen Lebensjahre,

 

dass sie unerwartet einschlügen,

 

um den Boden

 

unter den Eichen zu erschüttern,

 

 

 

sodass gesiebt würde ein Grossteil

 

der Lymphe durch die Hoffnungszweige!

 

 

 

20.

 

 

 

Das zweite Mal kamst du hastig an

 

uns fehlte die Zeit

 

um alle Fetzen des Lebens einzusammeln-

 

 

 

eilend mussten wir

 

die Hütte der Zukunft erbauen

 

 

 

um sogleich Platz

 

für die Sofra[2]

 

der Liebe zu haben

 

und für eine Wiege

 

für unsere Wiedergeburt,

 

 

 

wir mussten uns erholen

 

bevor die Winter, welche die Stirn

 

der Tageskarawane drückten, ankamen…

 

 

 

denn “durch die Türen

 

der grossen Tragödien

 

teilte sich das Glück der kleinen Völker”.

 

 

 

21.

 

 

 

Andere Male kamst du

 

mit zwei Gesichtern

 

die sich wie der Tag von der Nacht unterschieden,

 

deshalb haben wir einen Grund

 

um uns in jeder Jahreszeit

 

weiter zu bemühen

 

 

 

um uns als ein einziger Laib Brot

 

zu backen! 

 

 

 

Und wenn wir dich würdig hervorbringen

 

mit dem goldenen Strahlenkranz

 

wirst du der dritte November sein,

 

 

 

dann werden wir nie mehr

 

mit den schrecklichen Abenteuern

 

der Gedichte

 

über die Gebirgen fliehen..!

 

 

 

22.

 

 

 

In dieser Zeit

 

spielen die Karnevale überall

 

und sie versuchen die Luft

 

in ein glückliches Gemälde zu färben,

 

deshalb wanderte ich, um die Welt zu sehen.

 

 

 

Dein unechtes Bild

 

verwirrt mich, November,

 

wegen den gefälschten Unterschriften,

 

 

 

wie kann ich dein Lachen erklären

 

wenn du eigentlich weinen solltest

 

 

 

und dein Weinen, wenn du lachen solltest

 

dein Aufschreien, wenn du geduldig sein solltest

 

und die Trägheit

 

in den Augenblicken der unabdingbaren Bewegung.

 

 

 

Viele Farben hast du

 

ungeordnet in die Welt gesetzt, 

 

unschön,

 

Farben im Einklang mit den Karnevalen!

 

 

 

23.

 

 

 

Deine herbstlichen Trommeln

 

bringen meine Tränenquellen

 

unter den schlaflosen Augenlider

 

zum Fliessen,

 

während ich über den ungewöhnlichen Karneval

 

jenseits den Bergen nachdenke.

 

 

 

Keinesfalls kann im Herzen

 

Ordnung geschaffen werden,

 

zerbrochene Fenster

 

vom Versuch, die Liebe durch das Gitter

 

einer unerträglichen Schale zu befreien!

 

 

 

24.

 

 

 

Zu steigen

 

auf die Berge der Gedanken,

 

um die Welt von oben zu betrachten-

 

 

 

dies gleicht

 

einer fürchterlichen Verwirrung:

 

 

 

neben dem Brot – Hunger,

 

neben dem Frieden – Gewalt,

 

neben dem Schmerz – Gesang,

 

neben dem Gesang die Tragödie…

 

 

 

doch sprechen wir nicht mehr

 

mit dem verbotenen Wortschatz,

 

es könnten die Kuckucke

 

in unser Knochenmark eindringen,

 

und wer weiss, ob uns dann jemand

 

die Hand der Gnade hinstreckt-

 

 

 

der Schmerz

 

ist sowieso das Monopol des gemeinen Volkes

 

dem niemand die Hand bietet! 

 

 

 

25.

 

 

 

So, November-

 

du solltest das Resümee ziehen

 

aus allen geschriebenen Seiten

 

des Lebens, das geboren wird

 

in den Seelen der Dinge,

 

 

 

und ein unantastbarer

 

November werden.

 

 

 

der Wind soll

 

die Wellen der Seelen mitnehmen,

 

er soll damit ein Feuer des Gesanges machen,

 

einen Kranz frischer Atmungen..!

 

 

 

Nur so kannst du

 

unser dritter Jahrestag sein-

 

 

 

Unsterblicher November!

 

 

 

(Zürich, 1989-1991)

 

 

 

 

 



[1]              Die Geschichte der Albaner ist sehr eng mit dem November verbunden. Geschichtlich ist der 28. November 1444, als der albanische Nationalheld Skanderbeg aus dem Ottomanischen Reich in seine Heimat Kruja zurückkehrte, um dann gegen die Ottomanen, die sein Land erobert hatten, zu kämpfen, bei den Albanern als “der Erste November” bekannt. Und der 28. November 1912, als in der Stadt Vlora die Unabhängigkeit Albaniens erklärt wurde, ist als “der Zweite November” bekannt. Die Hälfte der Territorien, des um 1912 als unabhängig erklärten Albaniens wurden von verschiedenen Balkanländern erobert, und die Albaner warten auf “den Dritten November”, in der Hoffnung auf die Wiedervereinigung Albaniens.

[2]              Runder, niedriger, traditioneller Esstisch der Götter und Albaner